Besuch von Koi­chi­ro Kobayashi

„Ich bin mir sicher, er schafft’s!“. Phil­ipp, 7 Jah­re alt, fie­bert mit. An der Außen­klet­ter­wand des Heavens Gate steigt gera­de Koi­chi­ro Koba­ya­shi, mehr­fa­cher Welt­meis­ter im Free­clim­bing, in eine Rou­te ein. Phil­ipp hat­te sich die Herz­rou­te gewünscht: er möch­te sie ger­ne zusam­men mit dem Welt­meis­ter im Topro­pe ausprobieren.

Heu­te ist Herr Koba­ya­shi zu Besuch im Heavens Gate um unse­ren Ver­ein IG Klet­tern Mün­chen und Süd­bay­ern e.V. und das Pro­jekt Bay­erns Bes­te Gip­fel­stür­mer ken­nen­zu­ler­nen. Er möch­te sich einen Ein­druck von der Münch­ner Klet­ter­sze­ne machen und sich zu inklu­si­vem Klet­tern aus­tau­schen. Emp­fan­gen wird der dabei von vie­len Akti­ven aus dem Ver­ein, sowohl der Vor­stand als auch Bay­erns Bes­te Gip­fel­stür­mer aber auch Jugend­li­che, Trainer*innen und Ehren­amt­li­che sind ver­tre­ten und hei­ßen den Welt­meis­ter im Heavens Gate Will­kom­men. „Nennt mich ein­fach Koba,“ stellt der 54-jäh­ri­ge Japa­ner sich vor.

Lebens­lauf Koi­chi­ro Kobayashi:

1968 Gebo­ren in Tokyo, Japan, fängt mit 16 das Klet­tern an
1996 Erkrankt an Pig­män­tä­rer Netz­haut­de­ge­ne­ra­ti­on mit 28. Bekommt die Nach­richt, dass er erblin­den wird.
2005 Grün­det die NGO Mon­key Magic. Erklimmt den Gip­fel des Kili­man­ja­ro, höchs­ter Gip­fel des afri­ka­ni­schen Kontinents
2006 1. Platz in der Para­Clim­bing Welt­meis­ter­schaft – Kate­go­rie Män­ner Blind.
2011 1. Platz in der Para­Clim­bing Welt­meis­ter­schaft Ita­li­en – Kate­go­rie B2 Blind.
2014 1. Platz in der Para­Clim­bing Welt­meis­ter­schaft Spa­ni­en – Kate­go­rie B1 Blind.
2016 1. Platz in der Para­Clim­bing Welt­meis­ter­schaft Paris – Kate­go­rie B1 Blind.
2018 1. Platz in der Para­Clim­bing Welt­meis­ter­schaft Inns­bruck – Kate­go­rie B1 Blind.
2019 1. Platz in der Para­Clim­bing Welt­meis­ter­schaft Bri­an­çon – Kate­go­rie B1 Blind.

Koba ist unter ande­rem Vor­stand des Ver­ei­nes Mon­key Magic (https://www.monkeymagic.or.jp/en-us). Der Ver­ein setzt sich in Japan für Inklu­si­on im Klet­ter­sport ein. Ziel des Ver­eins ist es, nicht nur Men­schen mit Behin­de­rung das Klet­tern zu ermög­li­chen, son­dern auch unsicht­ba­re Bar­rie­ren abzu­bau­en. Klet­tern wird dabei — wie bei unse­rem Sozi­al­pro­jekt Bay­erns Bes­te Gip­fel­stür­mer — als bestär­ken­des Werk­zeug in der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und im sozia­len Mit­ein­an­der ver­stan­den — unab­hän­gig von Alter, Gen­der, Her­kunft, Reli­gi­on, finan­zi­el­ler Sta­bi­li­tät oder kör­per­li­cher Fähig­keit. Die gemein­sa­me Visi­on ist eine akzep­tie­ren­de Gesell­schaft in der Diver­si­tät als Berei­che­rung gelebt wird. Die Klet­ter­hal­le ist dabei ein Raum, in dem von- und mit­ein­an­der gelernt wird.

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Judith Faltl, lang­jäh­ri­ges Ver­eins­mit­glied, Trai­ne­rin und selbst blind, führt Koba und sei­ne Gui­de und Über­set­ze­rin Miki Ram­mel­mayr durch die Hal­le. Beson­ders inter­es­sie­ren die bei­den dabei die bau­li­chen Beson­der­hei­ten zur Ermög­li­chung der Bar­rie­re­frei­heit im Heavens Gate, wel­che auch gleich selbst aus­pro­biert werden:

  • Tak­ti­les Leit­sys­tem und Hallenplan
  • Beschrif­tun­gen in Brailleschrift
  • Eben­erdi­ge Mat­ten­ein­stie­ge und Handläufe
  • Bar­rie­re­frei­es Pfle­ge­bad und ‑Dusche
  • Auf­zug mit Sprachausgabe
  • Spe­zi­ell geschul­te Trainer*innen

Wäh­rend der Hal­len­füh­rung lernt Koba auch die Klet­ter­grup­pe von Trai­ner Moha Hassa­ni ken­nen. Gemein­sam klet­tern in Moha‘s Grup­pe Kin­der, Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne mit Flucht­er­fah­rung, mit kör­per­li­cher Erkran­kung, geis­ti­ger Behin­de­rung oder lebens­ver­kür­zen­den Krankheiten.

Koba hat vie­le Fra­gen an die Jugend­li­chen: Wie ist es, an einem neu­en Ort Fuß zu fas­sen und sich eine zwei­te Hei­mat auf­zu­bau­en? Wel­che Bedeu­tung hat das gemein­sa­me Klet­tern für die Kin­der und Jugend­li­chen? Auch Moha’s Grup­pe und Moha selbst stel­len Fra­gen: Wie kann Koba wis­sen, wo er hin klet­tern muss und wie die Grif­fe und Trit­te zu benut­zen sind? Wie vie­le Prei­se hat Koba gewon­nen? Gut, dass Miki dabei ist. Sie ist nicht nur Kobas Über­set­ze­rin, son­dern sagt ihm beim Klet­tern auch die Grif­fe und Trit­te an. Und wie genau das funk­tio­niert? „Lasst es uns gemein­sam aus­pro­bie­ren“, schlägt Koba vor.

Und so hängt Koba an der Außen­wand die Rou­te ein. Miki sagt auf Japa­nisch die Rou­te an, alle fie­bern mit. Dann ist Phil­ipp dran, Koba sichert. Dass der Para­clim­ber blind ist, hat­te Phil­ipp bis dahin noch gar nicht mit­be­kom­men. Das gemein­sa­me Klet­tern ist für ihn selbstverständlich.

Koba macht Phil­ipp Mut: „Wenn du dich anstrengst, bin ich mir sicher, dass du es schaffst.“ Weni­ge Minu­ten spä­ter strahlt Phil­ipp übers gan­ze Gesicht. So weit war er noch nie oben – ein Grund, stolz auf sich zu sein. „Gam­ba – Super!“ bestärkt ihn Koba. „War­um glaubt ihr, dass ich es bis ganz nach oben geschafft habe?“ fragt Phil­ipp uns Umste­hen­de. „Mon­key Magic“ ist unse­re Antwort.