Datum: 15.08.2025
Wer war dabei: Jörg, Kathi, Vali
Gipfel/Berggruppe: Brunecker Turm (2495 mNN)/Sella
Name der Tour: Brunecker Turm NW Wand –Zieglauer
Art der Tour: Alpinklettern/Alpiner Klassiker
Erstbegehung: F. Winter & W. v. Zieglauer 06.08.1933
Facts: Ca. 370 m Wandhöhe, ca. 460m Kletterlänge, 12SL, immer wieder 4 und 5, Stellen 5+
Einige alte und neue Haken am Platz, an den gemeinsamen Ständen mit der Ottovolante auch bolts
Zusätzlich ein Satz kleine/mittlere Cams, Stopper, Schlingen ratsam
Zustieg: vom Pisciaduparkplatz südlich Grödnerjoch auf markiertem Steig steil aufwärts bis ein ausgeschilderter Abzweig nach links führt
Diesen kurz folgen und dann aufwärts zum rechten Rand des Wandfusses, ca. 45 min
Abstieg: Vom Gipfel zur Hochfläche und auf dieser ostwärts zur Pisciaduhütte (einzelne Steinmännchen). Von dort über den Steig durch das Val Setus (anfangs drahtseilversichert, Helm sinnvoll) zurück zum Parkplatz ca. 1,5 h
Brunecker Turm NWWand –Zieglauer
Der Blinde und der Lahme
Wir werden ja alle nicht jünger, schöner schon gleich gar nicht und über den Rest breiten wir den Mantel des Schweigens. Was aber den Spaß an der Freud nicht verhindert. Kaum hatte Jörg frische Linsen in den Äpfeln und ich veritables Titan in der Hüfte wurden schon wieder Pläne geschmiedet. Davon gibt es genug, nicht alle sind für eine Wiedereingliederung geeignet. Wir finden Passendes und dann sogar noch einen Termin. „Gerade zu Ferragosto in die Dolos…“ werden sich manche wundern und das wissende Haupt schütteln. Es hilft nichts, die Zwänge zwingen. Unbeschadet kommen wir am Grödner Joch an und finden sogar noch einen Stellplatz mit fließend Wasser. Natürlich sind auch andere unterwegs, viele sogar, aber eigentlich herrscht friedliche Stimmung. Die Motorräder knattern, die Sportwägen heulen und wir öffnen das erste Bier zu ortstypisch Geselchtem und Schüttelbrot. Um den Kitsch noch weiter zu treiben, statten wir dem malerischen Kreuz einen Besuch ab und lassen den Blick zum Heiligkreuzkofel und Konsorten in die Weite schweifen. Jörg kann das ja jetzt auch ohne Brille, doppelt schön.

Die Nacht bringt wie vorhergesagt Gewitter und diverse Grobschauer. Wir verschlafen das und denken zufrieden an den vollmundigen Rotwein zurück. Frühmorgens geht es raus, Kathi und Vali hatten sich angesagt und wir wollten davor noch ordnungsgemäß Kaffee getrunken haben. Außerdem waren für Nachmitttag wieder Gewitter angesagt, ein Grund mehr nicht zu trödeln.
Ein kritischer Blick nach oben vergewissert, dass die nächtlichen Fluten keine größeren Feuchtstellen in der Wand hinterlassen haben, am Abend zuvor schien sie jedenfalls auf unseren Besuch gut vorbereitet gewesen zu sein.

Dass sie morgens eher im Schatten liegt, muss im Sommer ja kein Nachteil sein. Nach vollzähliger Versammlung geht es auch gleich los. Erst zum Pisciaduparkplatz, bei dem noch die durch die letztjährige Mure notwendigen Aufräumarbeiten andauern und der daher nur eingeschränkt Stellplätze bietet, dann den nach links verlegten Steig steil aufwärts, schließlich kurz nach links abgezweigt und rauf zum Wandfuß des Brunecker Turms.
Da bildet sich erstmal ein kleines Rudel. Vor uns eine Seilschaft, die lustigerweise Bekannte von Kathi und Vali waren. Und nach uns noch eine, die ihre zunächst gute Aussicht auf einen tollen Startplatz durch verbesserungswürdige Wegwahl verloren hatten. Und diese Schmach, dann gleich durch Wahl einer Alternativroute zu tilgen versuchten. Die anderen NachzüglerInnen hatten eh die Ottovolante im Sinn. Ein durchaus allerfeinstes Ziel, für uns allerdings noch oder mittlerweile ein Nümmerchen zu hoch. Mein Nachwuchs schwört uns Treue und zeigt uns wo es in der Zieglauer lang geht.

Jörg freut sich, dass er nicht weiter nachdenken muss und die erste Seillänge geht traditionell eh an mich. Also darf er sich erstmal hinsetzen. Ich hindere ihn als alten Sachsen noch kurz daran, mich per Brustkreuz zu sichern und mahne zu zeitgemäßen Methoden. Mittlerweile ist er das gewöhnt und murrt auch nicht mehr.

Der Fesl hält zumindest das, was er verspricht. Mehr will ich nicht, blindes Vertrauen wäre übertrieben und so ist der Stand bald erreicht. Jetzt muss auch Jörg aufstehen und kommt brav nach. Trotz Schatten ist es angenehm, wir kommen voran.

Die Kletterei ist schön und abwechslungsreich, die Laune prächtig. Es tut richtig gut, endlich wieder draußen am Fels unterwegs sein zu können, ohne dass irgendwelche Malaisen einem einen schmerzhaften Strich durch die Rechnung machen. Schlicht ein Triumph der Medizintechnik, den wir gerne mitfeiern und die Zieglauer feiert genau richtig mit.

Mal links, mal rechts, mal geradeaus, wie das im klassischen Geläuf der logischen Linie folgend so üblich ist. Das vorhandene Material ist zwar wechselhaft vertrauenserweckend, kann jedoch immer wieder gut ergänzt werden. Genau das Richtige für heute, wir haben eine gute Wahl getroffen. Dann erfordert ein Bäuchlein doch mal herzhaftes Zugreifen. Wenn man selber keines hätte, täte man sich sicher leichter, Vali gehört zu diesen Zeitgenossen. Wir nicht.

Er mag zwar mehr Kraft haben, wir schnaufen dafür lauter, und schnarchen sowieso. Wir haben aber keine Zeit zum Schlafen, das Wetter ist wechselhaft. Kurz nach dem Bauch wird es wieder gemütlicher und wir nähern uns zügig dem Schlussteil.

Vorher wartet aber nochmal eine wohl etwas trickreichere Passage auf uns. Im Topo ist ein Schlüssel eingezeichnet. Ich sortiere das Material am Gurt und Jörg freut sich auf meine Performance. Vali als Bewegungsästhet hat da seine berechtigten Zweifel und ist eher froh, das Ganze nicht von unten bewundern zu dürfen, sondern vor mir Kathi hinterher nach oben flüchten zu dürfen. So kriegen Alle, was sie verdienen. Sie ist schließlich die Seinige, mir bleibt hier der Jörg. Aber der ist schließlich auch verheiratet.

Machen wir es kurz, so schlimm war es dann doch nicht. Man darf zwar durchaus gucken und hinlangen und an einer Stelle schien mir der Haken ein bisschen zu hoch zu sein, um wirklich angenehm wohlige Selbstsicherheit zu verbreiten. Aber das Leben ist ja auch kein Ponyhof und deswegen sind wir jetzt im Moment genau dort, wo wir sind. Und nicht nur dort, denn die Hauptsache ist, es geht von dort auch weiter. Sonst kommt man nirgendwo hin.

Das tut es immer weiter aufwärts, denn erst oben ist oben. Der Rest ergibt sich aber eher zahm und nach einer kurzen, nach links führenden Kaminrinne kommen wir sogar in die Sonne.

Diese wärmt beim Gewurschtel durch das Gipfelgeschröf. Das gehört als mehr oder weniger lästiges Dessert in den Dolomiten eigentlich immer dazu, außer am Heiligkreuzkofel. Aber da sind wir ja nicht. Dafür aber oben, mit Steinmann. Unsere Vorhut hat es sich gegenüber schon gemütlich gemacht. Wir befreien uns vom Seil und folgen ihnen nach. Denn Hinsetzen wollen wir uns auch und vor allem die Schuhe wechseln.

So schön es hierist, so lecker die Brotzeit schmeckt und so erfrischend das Wasser aus der Flasche auch sein mag, viel Zeit wollen wir uns nicht nehmen. Von Süden kommen komischdunkle Sachen herangedonnert und der Abstieg wartet auf uns. Interessanterweise gewürzt mit einem Klettersteig als idealtypischem Blitzableiter.

Da wir ungerne als Bratwurst enden wollen, machen wir uns hurtig auf den Weg. Erstmal zur Hütte, die Terrasse ist voll und kein Platz mehr frei. Aber generell scheint die Lage noch so stabil zu sein, dass man mit zügigem Tempo eine gute Chance auf unbeschadete Rückkehr hat. Schließlich gibt es im Auto auch noch ein paar Fläschchen Bier.

Also nichts wie los, einige sehr unbedarfte Steigzitterer seitlich überholend hinter uns lassend, rauschen wir in düsterem Schluchtambiente nach unten und atmen erst auf, als die stahlverseuchten Passagen hinter uns liegen. Jetzt ist endlich Zeit, das hastig zusammengeraffte Material neu sortiert zu verstauen und den Tragekomfort entscheidend zu verbessern.

Der Blick zurück in die Schotterschlucht bestätigt die Ahnung, dass man hier lieber runter als rauf geht und bei einem Unwetter sowieso die Lage ungemütlich wird.

Letztlich wird Fazit gezogen: Alles richtig gemacht, die frisch eingebauten Ersatzteile haben gehalten und die Kühlbox hatte unten auch das getan, wofür sie da war. Beste Voraussetzungen für ein kräftiges Prost auf den gelungenen Wiedereinstieg ins steile Geschäft. Das unweigerliche, grandiose Gewitter ließ sich so einwandfrei aushocken.
