Datum: 15.07.2010
Wer war dabei: Vali, Sebi
Gipfel/Berggruppe: Lofe­rer Breithorn/Loferer Steinberge
Name der Tour: Ende Nie
Art der Tour: Alpi­ner Sportkletterklassiker
Erst­be­ge­hung: A. Sto­cker & J. Simar, 30. August 2001
Ein­ge­rich­tet im August 2001 von A. Sto­cker, L. Würtl, K. Wid­mo­ser, G.Flatscher, J. Simar, W. Reich

Facts: Wand­hö­he ca. 900 m, 1500 Klet­ter­me­ter, ca. 38 SL, oft 6/6+, meist 5 aber auch eini­ges leichter.
SH und ZH gebohrt, berg­üb­li­ches Mate­ri­al, ein paar Stop­per und ggf. 1 klei­ner und mitt­le­rer Cam ange­nehm, evtl. auch 1–2 Laschen und Mut­tern für Schwer­last­an­ker, Schlin­gen. Der Erst­be­ge­her emp­fiehlt zu Recht die Ver­wen­dung beque­mer, gut ein­ge­latsch­ter Klet­ter­schu­he, dies gilt auch für die Abstiegsschuhe

Alpi­ne Klas­si­ker Ende Nie

Die end­li­che Geschichte

Inwie­weit man die­se Tour trotz ihrer ver­gleichs­wei­se jun­gen Geschich­te schon als Klas­si­ker bezeich­nen darf, da dür­fen sich ger­ne die Korin­then­ka­cker die­ser Welt drum strei­ten. Mei­nes Erach­tens hat sie jeden­falls das Zeug dazu und ist auf einem guten Weg dort­hin. Selbst wenn die Hard­core-Ver­ti­cal-Abon­nen­ten ob der Bebol­tung bei der Bezeich­nung „alpin“ ver­ächt­lich die Nase rümp­fen. Wie dem auch sei, ihr Name ist jeden­falls Pro­gramm. Die schie­re Län­ge bei ver­gleichs­wei­se guter Siche­rung und fast durch­wegs erfreu­li­che Klet­te­rei ver­schaff­ten ihr inner­halb kür­zes­ter Zeit hohen Bekannt­heits­grad und mach­ten sie zu einem begehr­ten Ziel. So etwas muss natür­lich auch in das eige­ne Routenportfolio.

Ende Nie: Der lan­ge Weg vom Schnee­feld bis zum Gipfel

Die Dau­er­mau­er­läu­fer­tour befin­det sich am Breit­horn (2413m) in den Lofe­rer Stein­ber­gen. Erst­be­gan­gen und ein­ge­rich­tet wur­de sie im August 2001 vom uner­müd­li­chen Adi Sto­cker unter mit­hil­fe sei­ner vie­len Klet­ter­kum­pel von der HG-Sto­aberg. Der Name Sto­cker steht schon immer für aus­ge­sucht schö­ne Klet­te­rei bei fami­li­en­freund­li­cher Absi­che­rung. Sein aber­wit­zi­ger Taten­drang beschert der Klet­ter­ge­mein­de seit nun meh­re­ren Jahr­zehn­ten eine immer wei­ter wach­sen­de Anzahl aus­ge­such­ter Tou­ren­zie­le. Wie ein Trüf­fel­schwein spürt er wei­ter­hin Jahr für Jahr Pre­tio­sen an oft­mals bis­lang eher unbe­kann­ten Wän­den auf. Erfreu­li­cher­wei­se dies auch noch in den von uns aus in akzep­ta­bler Ent­fern­un­g­lie­gen­den Kalk­ber­gen. Mögen er, sei­ne Spür­na­se und sei­ne Bohr­ma­schi­ne uns noch lan­ge in bewähr­tem Stil erhal­ten bleiben.

Para­de­klet­te­rei mit Stockerbolts

Wie es manch­mal so ist und durch das Kor­sett lei­di­ger Ver­pflich­tun­gen vor­ge­ge­ben, las­sen wir erst­mal eine sta­bi­le Schön­wet­ter­pha­se ver­strei­chen. Mit­te Juli zeich­nen sich dann ein­zel­ne Pau­sen im Dau­er­ge­wit­ter­ge­sche­hen ab, davon wol­len wir eine nut­zen. Gesagt getan, ein Tag Urlaub, nach der Arbeit Gerüm­pel gepackt, erst­ma­lig auch einen Trink­sack befüllt und ab nach Lofer. Da kann man an der Tank­stel­le gleich noch pas­sen­de Wurst­wa­ren zum mit­ge­brach­ten Getränk erste­hen. Was am Park­platz dann alles der zuge­dach­ten Ver­wen­dung zuge­führt wird.
Die Nacht ist lau, der Boden feucht, die Stim­mung gut.
Um 4:00 piept die Uhr, für mich gibt es einen schnel­len Mor­gen­kaf­fee aus der Thermoskanne.Vali trinkt lie­ber groß­in­dus­tri­ell gefer­tig­tes Zucker­was­ser. Ich werd erst mit Kof­fe­in im Leib lang­sam erträg­lich, er jedoch mutiert mit die­ser Dro­ge zu einer schwer ver­dau­li­chen Mischung aus Otto Waal­kes und einem wild­ge­wor­de­nen Gum­mi­flum­mi. Das muss nicht sein, anstren­gend wird es auch so.
Eine hal­be Stun­de spä­ter geht es los und um 6:00 sind wir am Ein­stieg. Dass es einem da mun­ter ent­ge­gen­tropft, kenn ich noch von einer Bege­hung ein paar Jah­re davor. Tro­cken wäre es sicher auch schön. Aber über so was nach­zu­den­ken, bringt einen letzt­lich nicht nach oben.

Ziag oda fliag

Die ers­te 6er Stel­le kommt in der 3. Seil­län­ge und das ganz schön kräf­tig. Geschen­ke wer­den nicht ver­teilt, sie wol­len es deut­lich wis­sen. Valis Bizeps schwillt beängs­ti­gend und hilft ihm sou­ve­rän wei­ter. Ich suche mein Heil eher in Geschwin­dig­keit, denn wo nichts ist, kann nichts schwel­len. Nach­dem die Wand nun lang­sam tro­cke­ner wird, betröp­fel ich mich zum Aus­gleich regel­mä­ßig mit mei­nem Trink­sack­schlauch. Viel­leicht bin ich für so ein moder­nes Zeug zu alt. Oder schlicht zu blöd.

waag­rech­tes Grasklettern

Mal links, mal rauf, mal mit­ten­durch geht es wei­ter. So ein rich­ti­ges Wand­ge­fühl will dabei noch nicht auf­kom­men. Dafür gibt es zu viel Bän­der und Absätze.

Schon Jah­re vor­her muss auch Robert nach links zum nächs­ten nächs­ten Band queren

Vor ein paar Jah­ren wur­den wir irgend­wo hier von einer gleich­zei­tig klet­tern­den Seil­schaft über­holt, die mit einer Bat­te­rie t‑blocks bewaff­net und per wal­kie-tal­kie kom­mu­ni­zie­rend läs­sig an uns alt­ba­cke­nen Stand­si­che­rern vor­bei­zo­gen. Heu­te sind wir völ­lig allein und blei­ben auch dies­mal bei der klas­si­schen Über­schlags­va­ri­an­te. Das geht gut, man darf halt nichts vertändeln.

Vali schwimmt im Plattenmeer

Dabei hilft natür­lich die vor­ge­fer­tigt vor­han­de­ne Fix­si­che­rung, die im Gro­ßen und Gan­zen als aus­rei­chend betrach­tet wer­den kann. Hin und wie­der kann man Keil­chen oder Cams pfri­meln, meist muss und kann es ohne gehen. Und wenn dann sogar an einer Stel­le mal eine Lasche fehlt, stülpt man über den Bol­zen einen Stop­per. Damit hat man den auch ver­wen­det und die Exe hängt.

Vali macht im Plat­ten­meer auch noch Freischwimmer

Ab dem ers­ten Drit­tel wird die Rou­te dann etwas wan­di­ger. Präch­ti­ges Geplat­tel und Was­ser­ril­len­ge­ste­he domi­niert. So kom­men wir zum bekann­ten Durch­schlupf, der mehr durch Ger­amp­fe, als durch Schön­heit besticht.

Durch­schlupf 2006 und 2010: die Wadl ver­än­dern sich, der Rampf bleibt gleich

Aus­la­den­de Ruck­sä­cke bzw. Braue­rei­ge­schwü­re erwei­sen sich bei so etwas als eher hin­der­lich. Wer das ver­gisst oder igno­riert, bleibt ste­cken. Das wär blöd, nach gut der Hälf­te der Tour. Man bekommt aber auch so sein Fett weg. Und ich natür­lich wie­der eine Dusche aus mei­nem Trinkschlauch.

Schlacht­plat­te, lie­ber gleich weiter

Ein ein­drück­li­cher Riss, der einen jäh vom Plat­ten­ge­tän­zel wie­der auf den Boden der Tat­sa­chen führt, lei­tet dann zur Schul­ter vor dem Gipfelaufbau. 

Wo ein Riss ist, ist ein Weg

Auf die­ser Schul­ter fin­det man nach ein biss­chen Geh­ge­län­de rechts­hal­tend den Wei­ter­weg. Ein präch­ti­ges Plätz­chen zum Brot­zeit machen, sicher auch biwa­kie­ren. Zudem kann man hier abbre­chen, aus­que­ren und sich nach unten durch­schla­gen. Letz­te­res ist erwie­se­ner­ma­ßen uner­freu­lich. Eige­ne Erfah­rung zeigt, dass die­ser Opti­on, wenn irgend mög­lich, nicht der Vor­zug gege­ben wer­den sollte.

Der Gip­fel­auf­bau setzt der Rou­te die Kro­ne auf. Eine wah­re Pracht­wand, die alles bie­tet, was das Klet­ter­herz erfreut. 

Riss­spaß in der Gipfelwand

Eigent­lich kann man sich hier nach bis­lang eher schat­ti­gem Ver­lauf auf­grund der­ver­än­der­ten Wand­ex­po­si­ti­on wun­der­bar die See­le von der Nach­mit­tags­son­ne wär­men las­sen. Bei uns wur­de es aber merk­wür­dig die­sig und damp­fig. Die Son­ne istnur noch ein dif­fu­ser Ball in der Nebel­wol­ken­sup­pe, Tau­trop­fen bil­den sich auf jedem Haar. Ein deut­li­ches Zei­chen, dass man nicht mehr viel Zeit ver­lie­ren soll­te. Dabei darf man sich aber noch mal rich­tig kon­zen­trie­ren, die Klet­te­rei gestal­tet sich anhal­tend. Dass sie wei­ter­hin höchst erfreu­lich ist, stört dabei natür­lich kaum. Eher schon, dass zumin­dest wir das Gefühl hat­ten, die Bolt­dich­te näh­me gegen Ende ein klit­ze­klein­biss­chen ab. Viel­leicht waren wir aber nur schon etwas müde. Was man ja sein darf, nach letzt­lich 38 Seil­län­gen stei­lem Gewer­ke. Nur mein Trink­schlauch behält eisern und unbe­irrt sei­ne Inkontinenz.

Kurz vor Schluss, Vali fischt im Trüben

Am Aus­stie­gist dann das Wand­buch. Da kann man sich Ein­tra­gen und vor allem ist das der Platz, an dem man aus den Pat­schen raus­kommt und einen Kno­ten in sei­nen Trink­schlauch machen kann. Denn der Rest zum Gip­fel bie­tet kaum mehr Widerstand.

Das Gip­fel­kreuz hat eine Glo­cke, mit der kann man den Fei­er­abend ein­läu­ten. So hört man wenigs­tens was, denn sehen tun jeden­falls wir nicht viel. Wir füh­len uns wie in einem tür­ki­schen Dampf­bad, ent­spre­chend kurz ist die Gip­fel­rast. Um halb sechs machen wir uns dort vom Acker.

Gip­fel­bim­mel

Was jetzt kommt, soll­te man sich vor­her lie­ber nicht ganz klar machen. Trotz­dem aber ent­spre­chend Zeit und Ner­ven einkalkulieren.
Der Abstieg führt zunächst durch ein Laby­rinth aus abzu­klet­tern­den Stu­fen und Tra­ver­sen bis zur nächs­ten abzu­klet­tern­den Stu­fe. Stein­män­ner hel­fen bei der Weg­fin­dung, wenn man sie sieht und rich­tig zu deu­ten weiß. Im dich­ten Nebel sto­chern wir da etwas her­um. Irgend­wann ist man dann auf einem veri­ta­blen Weg. Den kann man nach links zur Schmidt-Zabi­row-Hüt­te lau­fen und dort den Abend bei TAB und Kas­press­knö­deln ver­brin­gen. Oder man geht, so wie wir, nach rechts und beginnt mit der lang­sa­men, aber ste­ti­gen Ver­nich­tung sei­ner Knie.
Bei etwa der Hälf­te des Abstiegs hat das labi­le Wet­ter kein Ein­se­hen mehr und beschenkt uns mit einem gran­dio­sen Gewit­ter. Der erwar­te­te Platz­re­gen bleibt aber zunächst aus, dafür gibt es veri­ta­blen Hagel. Und was für einen! Schlos­sen von Eier­grö­ße (eher Huhn als Kavi­ar) rau­schen her­ab und nach den ers­ten Ein­schlä­gen wird klar, ohne Helm wird das nichts. So unter Beschuss steht man sel­ten und da der Helm irgend­wo auf­hört, gibt es lei­der immer noch genü­gend Trefferfläche.
Irgend­wann geht das Trom­mel­feu­er dann in den übli­chen Wol­ken­bruch über. Das freut uns, denn nun wer­den die Hagel­hä­ma­to­me durch die diver­sen Rinn­sa­le auf der Haut gekühlt. Davon wird einem nicht wär­mer, also trot­ten wir wei­ter. Wenn man dann eigent­lich auf­ge­ge­ben hat, dar­an zu glau­ben, dass es irgend­wann auch ein­mal zu Ende sein könn­te, ist man unten. Lei­der noch nicht am Auto, denn das steht etwas wei­ter öst­lich. Also geht es zum Aus­lau­fen noch male­risch im Tal dahin, der Regen lässt nach, das Frös­teln bleibt.

Gegen zehn sind wir schließ­lich am Auto und machen aus der unend­li­chen eine end­li­che Geschich­te. Die nas­sen Kla­mot­ten wer­den vom Leib geschält, der letz­te Müs­li­rie­gel ver­drückt. Und es geht nicht nur in fri­sches Gewand, son­dern auch wie­der rein in das Kor­sett, zwengs dem man den Tag nicht vor Ort geruh­sam aus­klin­gen lässt, son­dern gen Hei­mat braust, um sich ein paar Stun­den spä­ter ter­min­ge­trie­ben mit völ­lig ande­ren Din­gen zu beschäftigen.